Die­se Po­li­tik ist ein Ver­bre­chen/ Il y a une impunité qui est insupportable

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Recht und Un­recht  Die Zeit 32

Ca­te­ri­na Lo­ben­stein

»Die­se Po­li­tik ist ein Ver­bre­chen«

Der is­rae­li­sche An­walt Omer Shatz hat An­ge­la Mer­kel und an­de­re EU-Ver­ant­wort­li­che vor dem Straf­ge­richts­hof in Den Haag ver­klagt. Sein Vor­wurf: Sie tra­gen schwe­re Schuld am Elend der Flücht­lin­ge auf dem Mit­tel­meer

DIE ZEIT: Herr Shatz, seit 2014 sind mehr als 18.000 Men­schen im Mit­tel­meer er­trun­ken. Wir Jour­na­lis­ten schrei­ben von Un­glü­cken, Po­li­ti­ker spre­chen von ei­ner Tra­gö­die. Sie sind An­walt. Wie nen­nen Sie das, was auf dem Mit­tel­meer pas­siert?

Omer Shatz: Ein Ver­bre­chen. Jah­re­lang wur­de uns weis­ge­macht, es sei ein tra­gi­sches Er­eig­nis, ei­ne Art Na­tur­ka­ta­stro­phe. Die Be­wei­se, die ich mit mei­nem Kol­le­gen Juan Bran­co und mit mei­nen Stu­den­ten über drei Jah­re hin­weg ge­sam­melt ha­be, zei­gen aber: Die To­ten sind fes­ter Be­stand­teil des Plans, die Mi­gra­ti­ons­strö­me aus Afri­ka ein­zu­däm­men. Die­se Po­li­tik wur­de in den letz­ten fünf Jah­ren vor­sätz­lich ent­wor­fen und um­ge­setzt. Sie ist kei­ne Tra­gö­die: Sie ist ein Ver­bre­chen ge­gen die Mensch­lich­keit.

ZEIT: Was ge­nau mei­nen Sie da­mit?

Shatz: Dass wir es mit ei­nem sys­te­ma­ti­schen An­griff auf die Zi­vil­be­völ­ke­rung zu tun ha­ben. In die­sem Fall: auf Mi­gran­ten, die im Mit­tel­meer er­trin­ken oder von der li­by­schen Küs­ten­wa­che zu­rück nach Li­by­en ge­bracht wer­den. Vie­le lan­den in La­gern, wo sie ge­fol­tert, ver­sklavt, ver­ge­wal­tigt wer­den – und oft erst frei­kom­men, wenn sie oder ih­re Fa­mi­li­en Geld zah­len.

ZEIT: Sie ha­ben des­halb beim In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof in Den Haag Kla­ge ge­gen die EU ein­ge­reicht. Der Straf­ge­richts­hof er­mit­telt nicht ge­gen Staa­ten, nur ge­gen In­di­vi­du­en. Wen wol­len Sie zur Ver­ant­wor­tung zie­hen? Jean-Clau­de Juncker? An­ge­la Mer­kel?

Shatz: Ja. Spit­zen­po­li­ti­ker wie Juncker, Mer­kel oder Em­ma­nu­el Ma­cron, aber auch die vie­len Hel­fer auf den mitt­le­ren Ebe­nen der Macht: die Bü­ro­kra­ten in Brüs­sel, die Be­am­ten in den Mi­nis­te­ri­en, die Ka­pi­tä­ne der Fron­tex-Schif­fe. Und es gibt noch die Ak­teu­re in Li­by­en. Die Küs­ten­wäch­ter zum Bei­spiel oder die li­by­sche Be­hör­de, die die La­ger un­ter­hält. Ge­gen ei­ni­ge er­mit­telt der In­ter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof be­reits.

ZEIT: Wenn der Straf­ge­richts­hof schon er­mit­telt, wo­zu Ih­re Kla­ge?

Shatz: Weil die Er­mitt­lun­gen sich bis­lang auf li­by­sche Tä­ter be­schrän­ken. Wir wol­len, dass sie aus­ge­wei­tet wer­den auf die Ver­ant­wort­li­chen in der EU.

ZEIT: Glau­ben Sie wirk­lich, dass der In­ter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof, der Dik­ta­to­ren und War­lords ver­ur­teilt, Er­mitt­lun­gen ge­gen Mer­kel und Juncker ein­lei­tet?

Shatz: Mein Mit­strei­ter Juan Bran­co hat am In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof ge­ar­bei­tet, er weiß, wie ei­ne An­kla­ge­schrift aus­se­hen muss, da­mit sie ernst ge­nom­men wird. Wir ha­ben drei Jah­re re­cher­chiert, ha­ben un­zäh­li­ge zum Teil ge­hei­me Do­ku­men­te stu­diert, Ex­per­ten der Ver­ein­ten Na­tio­nen und re­nom­mier­te Völ­ker­rechts­ex­per­ten kon­sul­tiert. Es ist nicht so, dass hier zwei durch­ge­knall­te Ty­pen auf ei­nen Kreuz­zug ge­gen Mer­kel und Ma­cron ge­hen. Wir ha­ben ei­ne sehr so­li­de ju­ris­ti­sche Ar­gu­men­ta­ti­on ent­wi­ckelt, die auf star­ken Be­wei­sen fußt.

ZEIT: Was wer­fen Sie Mer­kel und den an­de­ren kon­kret vor?

Shatz: Ers­tens: Mord durch un­ter­las­se­ne Hil­fe­leis­tung. Das be­trifft die Po­li­tik der EU zwi­schen 2014 und 2015, nach­dem die ita­lie­ni­sche Ret­tungs­mis­si­on Ma­re No­strum ein­ge­stellt wur­de. Zwei­tens: das Out­sour­cen der See­notret­tung an die li­by­sche Küs­ten­wa­che und die Rück­füh­rung der Mi­gran­ten nach Li­by­en, wo sie Op­fer schwers­ter Ver­bre­chen wer­den. Die­ser zwei­te Punkt be­trifft die ak­tu­el­le Po­li­tik der EU-Mit­glieds­staa­ten, die wir seit 2016 be­ob­ach­ten kön­nen. 2015 war die li­by­sche Küs­ten­wa­che le­dig­lich an 0,5 Pro­zent der Ret­tungs­ak­tio­nen be­tei­ligt. Heu­te sind es et­wa 90 Pro­zent.

ZEIT: Die EU lässt die Mi­gran­ten nach Li­by­en brin­gen. Die Ver­bre­chen in den La­gern wer­den aber nicht von EU-Po­li­ti­kern ver­übt.

Shatz: Oh­ne die Mi­gra­ti­ons­po­li­tik der EU bräuch­te es die La­ger nicht. Die Ak­teu­re aus der EU tre­ten na­tür­lich nicht di­rekt als Tä­ter auf. Sie nut­zen die Li­by­er als Hand­lan­ger. Ein klas­si­sches Mus­ter im in­ter­na­tio­na­len Straf­recht, das fin­det man über­all.

ZEIT: Wo noch zum Bei­spiel?

Shatz: Wis­sen Sie, ein Teil mei­ner Fa­mi­lie wur­de wäh­rend des Ho­lo­causts ge­tö­tet – von Li­tau­ern und Po­len, aber die Po­li­tik da­hin­ter stamm­te von den Deut­schen. Oder neh­men Sie die afri­ka­ni­schen War­lords, die hat­ten eben­falls ih­re Voll­stre­cker. Meist sind es ein­fa­che Sol­da­ten und Mi­li­zio­nä­re, klei­ne Leu­te. In un­se­rem Fall zum Bei­spiel die Of­fi­zie­re der li­by­schen Küs­ten­wa­che. Im Auf­trag der EU fan­gen sie Mi­gran­ten ab und brin­gen sie nach Li­by­en zu­rück. Die EU schaut da­bei zu, und zwar wort­wört­lich. Es gibt ein Vi­deo vom No­vem­ber 2017. Man sieht dar­auf, wie die Li­by­er ver­su­chen, ein Schiff der Or­ga­ni­sa­ti­on Sea-Watch bei der Ret­tung von Mi­gran­ten zu stö­ren. Da­bei ster­ben rund 20 Men­schen, vor den Au­gen der EU-Ver­tre­ter, die eben­falls vor Ort sind. Wie in ei­nem Thea­ter­stück ste­hen sie am Ran­de der Sze­ne­rie: ein fran­zö­si­sches Ma­ri­ne­schiff, ein por­tu­gie­si­scher He­li­ko­pter, ein ita­lie­ni­sches Schiff. Kei­ner hilft bei der Ret­tung. Sie schau­en ta­ten­los zu, wie die Men­schen er­trin­ken.

ZEIT: Wie er­klä­ren Sie sich das?

Shatz: Es gibt ein Ge­richts­ur­teil aus dem Jahr 2012, das zu ken­nen in die­sem Zu­sam­men­hang wich­tig ist. Da­für müss­te ich ein we­nig aus­ho­len.

ZEIT: Bit­te.

Shatz: 2012 sprach der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te das so­ge­nann­te Hir­si-Ur­teil. Es ging dar­in um ei­ne Grup­pe von So­ma­li­ern und Eri­tre­ern, die im Jahr 2009, al­so noch zu Gad­da­fis Zei­ten, von Li­by­en nach Ita­li­en flie­hen woll­ten. Sie wur­den von der ita­lie­ni­schen Küs­ten­wa­che ge­ret­tet, aber zu­rück nach Li­by­en ge­bracht. Ei­ni­ge von ih­nen ha­ben dar­auf­hin ge­gen Ita­li­en ge­klagt – mit Er­folg. Das Ur­teil hat zwei Din­ge klar­ge­stellt. Ers­tens: Wer im Mit­tel­meer Men­schen ret­tet, darf sie nicht ein­fach ir­gend­wo ab­set­zen, son­dern nur in ei­nem si­che­ren Land. Zwei­tens: Li­by­en ist kein si­che­res Land. Das Hir­si-Ur­teil galt als bahn­bre­chend und soll­te die Rech­te der Mi­gran­ten im Mit­tel­meer stär­ken, aber es hat­te fa­ta­le Fol­gen. Es war ei­ner der Grün­de, war­um die EU sich auf lan­ge Sicht von der See­notret­tung zu­rück­zog.

ZEIT: Die EU hat doch die li­by­sche Küs­ten­wa­che auf­ge­baut, da­mit sie die Men­schen ret­tet.

Shatz: Ja. Ei­ne Küs­ten­wa­che, die so un­pro­fes­sio­nell ist, dass sie lan­ge nicht mal in der La­ge war, auf ho­her See ei­nen Fisch zu fan­gen – und die in ih­ren Rei­hen Kri­mi­nel­le hat, die vom Men­schen­schmug­gel pro­fi­tie­ren. Wir ha­ben die Aus­sa­ge ei­nes Zeu­gen, der von der li­by­schen Küs­ten­wa­che ab­ge­fan­gen wur­de. Bei sei­nem zwei­ten Ver­such, über das Mit­tel­meer zu flie­hen, schaff­te er es nach Si­zi­li­en. Er sagt, die li­by­schen Küs­ten­wäch­ter, die ihn beim ers­ten Mal auf­ge­grif­fen ha­ben, sei­en die­sel­ben Leu­te ge­we­sen, die ihn spä­ter auf das Schlep­per­boot nach Eu­ro­pa setz­ten. Die Küs­ten­wa­che ist in den Men­schen­schmug­gel in­vol­viert. Und die EU bil­det die­se Küs­ten­wa­che aus, schickt Geld, Schif­fe, Aus­rüs­tung, für Hun­der­te Mil­lio­nen Eu­ro – un­ser al­ler Steu­er­geld.

ZEIT: Falls der Straf­ge­richts­hof in Den Haag die Er­mitt­lun­gen über­haupt ein­lei­tet: Was ge­nau hät­ten Sie ge­gen Eu­ro­pas Po­li­ti­ker denn tat­säch­lich in der Hand?

Shatz: Im Fall von An­ge­la Mer­kel kön­nen wir zum Bei­spiel zei­gen, dass sie über die Zu­stän­de in Li­by­en sehr ge­nau Be­scheid wuss­te. 2017 er­hielt sie ei­ne Nach­richt vom deut­schen Bot­schaf­ter in Ni­ger. Er schrieb, es ge­be in Li­by­en La­ger, in de­nen täg­lich ver­ge­wal­tigt und ge­fol­tert wer­de. Er ver­glich die­se La­ger mit den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten. Er hat tat­säch­lich die­sen Be­griff be­nutzt: Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Drei Ta­ge spä­ter hat Mer­kel die Er­klä­rung von Mal­ta un­ter­zeich­net – je­nes Flücht­lings­ab­kom­men zwi­schen der EU und Li­by­en, das un­ter an­de­rem die Rück­füh­rung der Mi­gran­ten nach Li­by­en re­gelt.

ZEIT: Die deut­sche Re­gie­rung hat auf Ih­re Vor­wür­fe re­agiert. Sie sagt, Deutsch­land ha­be 300 Men­schen aus den li­by­schen La­gern be­freit und aus­ge­flo­gen.

Shatz: Das stimmt. Aber was ist mit den an­de­ren rund 40.000 Men­schen, die al­lein zwi­schen 2016 und 2018 auf dem Mit­tel­meer ab­ge­fan­gen und in die La­ger ge­bracht wur­den?

ZEIT: Die deut­sche Re­gie­rung sagt auch, sie wol­le hel­fen, die Be­din­gun­gen in den li­by­schen La­gern zu ver­bes­sern.

Shatz: Wenn man es mit Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern zu tun hat, dann ver­bes­sert man dort nicht die Be­din­gun­gen – man schließt sie. Wir füh­ren in der EU ei­nen or­well­schen Dis­kurs. Seit ein paar Wo­chen, seit im Zu­ge der Kämp­fe in Li­by­en ein La­ger bei Tri­po­lis bom­bar­diert wur­de und mehr als 40 Men­schen star­ben, plä­diert die EU of­fi­zi­ell da­für, in­haf­tier­te Mi­gran­ten aus Li­by­en zu eva­ku­ie­ren. Gleich­zei­tig fängt die li­by­sche Küs­ten­wa­che wei­ter­hin Mi­gran­ten ab und bringt sie in die La­ger – im Auf­trag der EU. Die La­ger sind ei­ne töd­li­che Ma­schi­ne, und die EU ver­sorgt die­se Ma­schi­ne mit im­mer neu­en Men­schen.

ZEIT: Vie­le Eu­ro­pä­er glau­ben, die Men­schen müss­ten nach Li­by­en ge­bracht wer­den, da­mit an­de­re nicht er­mu­tigt wer­den, die ge­fähr­li­che Fahrt übers Meer an­zu­tre­ten.

Shatz: Das ist das Pull­fak­tor-Ar­gu­ment. Es hält sich hart­nä­ckig, ob­wohl die Fak­ten da­ge­gen­spre­chen. Aber selbst wenn es den Pull­fak­tor gä­be, wür­de ich da­für plä­die­ren, Men­schen aus der li­by­schen Kriegs­zo­ne zu be­frei­en. Selbst wenn es Ter­ro­ris­ten wä­ren, die vor der li­by­schen Küs­te er­trin­ken, wä­re ich da­für, sie zu ret­ten – und sie dann ein­zu­sper­ren.

ZEIT: Was sa­gen Sie zu dem Ar­gu­ment, die Men­schen in den Schlauch­boo­ten sei­en Wirt­schafts­mi­gran­ten, die sich frei­wil­lig auf den Weg mach­ten – und des­halb kei­ne Hil­fe er­war­ten könn­ten?

Shatz: Na­tür­lich kön­nen wir, wenn wir ge­müt­lich beim Cock­tail sit­zen, auch die­ses Ar­gu­ment dis­ku­tie­ren. Aber wir soll­ten da­bei ei­nes nicht ver­ges­sen: Vie­le Men­schen sind als Wirt­schafts­mi­gran­ten nach Li­by­en ge­kom­men. Aber wenn sie es aus Li­by­en her­aus­schaf­fen, sind sie kei­ne Wirt­schafts­mi­gran­ten mehr. Sie sind Über­le­ben­de. Li­by­en ist ein Kriegs­ge­biet, in dem ge­fol­tert, ver­ge­wal­tigt und ge­tö­tet wird. Was wir eben­falls nicht ver­ges­sen soll­ten: Es ist kei­ne hu­ma­ni­tä­re Ges­te, Men­schen zu ret­ten. Es ist un­se­re Pflicht. Es geht hier nicht um die po­li­ti­sche Fra­ge, ob wir schutz­be­dürf­ti­ge Men­schen auf­neh­men wol­len. Es geht um ju­ris­ti­sche Pflich­ten.

ZEIT: Auch die­se Pflich­ten sind mitt­ler­wei­le po­li­tisch um­strit­ten.

Shatz: Ja, es zwingt auch nie­mand die EU, sich Ver­trä­gen zu un­ter­wer­fen, die das Le­ben von Men­schen schüt­zen. His­to­risch be­trach­tet ist es ei­ne re­la­tiv neue Idee, nicht nur Staats­bür­ger, son­dern Men­schen per se zu schüt­zen. Die­se Idee wur­de zwar in Eu­ro­pa er­fun­den, aber na­tür­lich kön­nen die Eu­ro­pä­er aus der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on, die einst als Kon­se­quenz aus dem Ho­lo­caust ent­stand, oh­ne gro­ßen Auf­wand wie­der aus­tre­ten. Am En­de geht es um die Fra­ge, wer wir sein wol­len. Wol­len wir die Men­schen­rech­te schüt­zen oder nicht?

ZEIT: Sie sind nicht der Ers­te, der die Mi­gra­ti­ons­po­li­tik der EU ver­ur­teilt. Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal hat das ge­tan, Ärz­te oh­ne Gren­zen, die Ver­ein­ten Na­tio­nen, der Papst. War­um soll­te aus­ge­rech­net Ih­re Kla­ge et­was ver­än­dern?

Shatz: Or­ga­ni­sa­tio­nen wie Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal se­hen das, was in Li­by­en und auf dem Mit­tel­meer pas­siert, durch die Bril­le von Men­schen­recht­lern. Wir schau­en es uns aus der Per­spek­ti­ve des in­ter­na­tio­na­len Straf­rechts an. Wir sa­gen: Was hier pas­siert, sind nicht nur Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, es sind Ver­bre­chen. Das ist ein gro­ßer Un­ter­schied.

ZEIT: Der Straf­ge­richts­hof in Den Haag ist nicht da­für be­kannt, ge­gen west­li­che Ver­däch­ti­ge vor­zu­ge­hen.

Shatz: Ja. Als die Chef­an­klä­ge­rin des Ge­richts­hofs mög­li­che Kriegs­ver­bre­chen der US-Ar­mee in Af­gha­nis­tan un­ter­su­chen woll­te, be­kam sie da­für kei­ne Zu­stim­mung von den Rich­tern. Die USA hat­ten Druck auf das Ge­richt aus­ge­übt. In un­se­rem Fall stam­men da­ge­gen al­le Ver­däch­ti­gen aus der EU, und de­ren Mit­glieds­staa­ten ha­ben das Sta­tut des Ge­richts­hofs un­ter­zeich­net. Des­halb kann die Chef­an­klä­ge­rin hier ein­fach er­mit­teln, sie muss die Rich­ter nicht um Er­laub­nis fra­gen. Was hel­fen könn­te, ist die Tat­sa­che, dass die Ver­bre­chen, um die es geht, nicht wie üb­lich in der Ver­gan­gen­heit lie­gen. Sie dau­ern an – auch wenn wir es oft gar nicht mehr mer­ken. Vor we­ni­gen Wo­chen erst sind vor Tu­ne­si­en rund 80 Men­schen er­trun­ken – und kaum je­mand hat dar­über be­rich­tet.

ZEIT: War­um stump­fen wir so leicht ab?

Shatz: Wir ge­wöh­nen uns dar­an. Wir sa­gen nicht: Wie konn­te das pas­sie­ren? Son­dern: Es ist ei­ne Tra­gö­die, und die ak­zep­tie­ren wir ir­gend­wann. Es ist mensch­lich, un­mensch­lich zu sein. Ich kom­me aus Is­ra­el, un­se­re Ge­sell­schaft be­steht aus Flücht­lin­gen. Aber in Is­ra­el hei­ßen schutz­be­dürf­ti­ge Men­schen nicht Flücht­lin­ge oder Asyl­be­wer­ber, auch nicht Mi­gran­ten. Sie hei­ßen in­fil­tra­tors, Ein­dring­lin­ge. Und tat­säch­lich for­dert ein Flücht­ling ja die Sou­ve­rä­ni­tät des auf­neh­men­den Staa­tes auf ei­ne ge­ra­de­zu be­droh­li­che Wei­se her­aus. Er muss erst an­kom­men – oder: ein­drin­gen –, be­vor er das Recht hat, um Asyl zu bit­ten. Der An­de­re, der Frem­de wird zur Ge­fahr, weil er in die Ge­mein­schaft ein­dringt.

ZEIT: Wä­re es bes­ser, wenn die Ent­schei­dung, ob je­mand in Eu­ro­pa blei­ben darf, schon vor sei­ner An­kunft fällt?

Shatz: Na­tür­lich. Die Asyl­po­li­tik der EU ist ge­schei­tert, wir brau­chen ei­ne neue. Die­se Po­li­tik fußt bis­lang auf dem Prin­zip der in­di­vi­du­el­len Ver­fol­gung und ist ge­prägt von der Zeit des Kal­ten Krie­ges, als man vor al­lem po­li­ti­sche Dis­si­den­ten im Sinn hat­te. In den letz­ten Jah­ren aber wur­den vie­le Men­schen nicht in­di­vi­du­ell ver­folgt, son­dern als Kol­lek­tiv, et­wa weil sie vor ei­nem Bür­ger­krieg oder ei­ner Na­tur­ka­ta­stro­phe flie­hen muss­ten. Des­halb spre­chen vie­le Ex­per­ten nicht mehr von Flücht­lin­gen im en­gen Sin­ne der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on, son­dern von per­sons in need of in­ter­na­tio­nal pro­tec­tion, von Schutz­be­dürf­ti­gen. Die Mi­gran­ten, die die EU nach Li­by­en zu­rück­schickt, zäh­len da­zu.

ZEIT: Wenn der In­ter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof die Er­mitt­lun­gen nicht ein­lei­tet, war Ih­re Ar­beit dann um­sonst?

Shatz: Am En­de wird nicht nur der Straf­ge­richts­hof über die­se Ver­bre­chen rich­ten, son­dern auch die Ge­schich­te. Und ich glau­be nach wie vor dar­an, dass vie­le Men­schen das Be­dürf­nis ha­ben, nachts gut zu schla­fen.

Fo­to: Ke­vin McEl­va­ney; Twit­ter (u.)

In der Nacht auf den 22. De­zem­ber 2016 wur­den 112 Mi­gran­ten auf dem stür­mi­schen Mit­tel­meer ge­ret­tet

Omer Shatz (39) ist An­walt und lehrt an der Yale Uni­ver­si­ty und an der Uni­ver­si­tät Sci­en­ces Po in Pa­ris. Sein Mit­strei­ter Juan Bran­co (29) ist ei­ner der An­wäl­te des Wi­ki­Leaks-Grün­ders Ju­li­an Ass­an­ge

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